Die Idee der nachhaltigen Bioökonomie umfasst eine ganze Reihe von Nutzungskonzepten, neuen Technologien und Prozessen auf Grundlage biobasierter Ressourcen, die alle unter dem übergreifenden Ziel der nachhaltigen Entwicklung stehen. Anders als bei historisch beobachtbaren Veränderungsprozessen wie z.B. der Elektrifizierung, handelt es sich bei der Bioökonomie in Deutschland um eine geplante, politisch unterstützte Transformation, die der Vision einer nachhaltigen Wirtschaftsweise folgt. Wie die Umsetzung einer nachhaltigen Bioökonomie in der Praxis allerdings konkret aussehen soll, ist das Ergebnis eines komplexen Aushandlungsprozesses von Akteuren mit teilweise sehr unterschiedlichen Motivationen.

Deutschland hat bereits mit der Energiewende den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit angestoßen. Der Ausstieg aus der Atom- und Braunkohleverstromung gestaltet sich seit Jahrzehnten als politisches und gesellschaftliches Ringen um wirtschaftliche, ökologische und soziale Gerechtigkeit. Diese Erfahrung hat deutlich gezeigt, dass eine Nachhaltigkeitstransformation nicht nur techno-ökonomische, sondern auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse umfasst. Die „Not-in-my-backyard“ (NIMBY)-Mentalität gegen den Netzausbau ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie unerwartete (unberücksichtigte) Haltungen der Bevölkerung den geplanten Transformationspfad maßgeblich beeinträchtigen. Die Relevanz gesellschaftlichen Wandels gilt in besonderem Maße für die Bioökonomie, die noch stärker als die Energiewende eine Vielzahl von Sektoren und Wechselwirkungen umfasst.

Die Transformationsforschung betont dabei den komplexen Prozess zwischen verschiedenen Stakeholder-Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Erwartungen. Jede dieser Gruppen, ob Biotechnologen, Landwirte oder Konsumenten, vertritt eine ganz spezifische Vision von der Bioökonomie. Eine allgemeine Konfliktlinie wird zwischen einer techno-ökonomischen Vision (im Sinne einer „Biologisierung“ der Industrie) und einer sozio-ökologischen Vision (eine regionale Kreislaufwirtschaft basierend auf ökologisch produzierten Rohstoffen) gesehen[1].

Abbildung 1. Das Rheinische Revier verfügt über besonders spannende Voraussetzungen für die Bioökonomie. (Quelle: Forschungszentrum Jülich / Sascha Kreklau)

Diese Stakeholder-Visionen in die Entwicklung und Umsetzung einer Transformation einzubinden, ist aus vielen Gründe essentiell. Die Akzeptanzforschung im Energiebereich zu Phänomenen wie „Not-in-my-backyard“ verdeutlicht vor allem zwei Aspekte: Dass die Unterstützung der Stakeholder Voraussetzung für eine Transformation ist und dass diese in die gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozesse eingebunden werden müssen. Darüber hinaus hebt die Innovationsforschung die Bedeutung von Stakeholdern als Innovatoren für die Bioökonomie hervor – wobei der Innovationsbegriff hier nicht nur neue Technologien, sondern auch ökonomische und gesellschaftliche Innovationen beinhaltet. Zukunftsvisionen für die Bioökonomie können auch sehr konkrete Erfahrungen und Ideen der verschiedenen Stakeholder sein, die die Transformation um Optionen bereichern oder Risiken und Synergien aufzeigen.

Die Untersuchung von Stakeholder-Perspektiven ist daher ein wichtiger Beitrag, um die Entwicklungsoptionen einer Transformation zu identifizieren und auf Lücken oder Widersprüche in der gemeinsamen Zukunftsvision einer nachhaltigen Bioökonomie hinzuweisen. Ein zentrales Anliegen sind dabei die Einstellungen der breiten Bevölkerung, die in der Bioökonomie sowohl bewusster Konsument als auch aktiver Bestandteil eines Ressourcenkreislaufs sein soll.

Eine vom Bioeconomy Science Center (BioSC) geförderten Projekt Transform2Bio (https://www.biosc.de/transform2bio) in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage unterstreicht die grundlegende Herausforderung für die Unterstützung der Bioökonomie durch die Bevölkerung in Deutschland. Knapp die Hälfte der Befragten (49,5%) hatte keinerlei Assoziationen mit dem Begriff. Viele der übrigen Befragten verknüpften „Bioökonomie“ im weitesten Sinne mit Ökologie, da der Begriff „Bio“ im deutschen Sprachgebrauch vor allem als Bezeichnung für nach den Kriterien der ökologischen Landwirtschaft produzierte Lebensmittel steht.

Die anschließend vorgestellte gängige Definition als Wechsel der Rohstoffbasis mittels neuer Technologien unter dem Nachhaltigkeitsparadigma erhielt eine breite Zustimmung. Ein Drittel der Befragten unterstützt diese Vision der Bioökonomie stark und weitere 25% sind ihr gegenüber eher positiv eingestellt. Demgegenüber lehnen nur 10% der Befragten die Vision eher ab, was auf eine grundsätzlich positive Haltung der Bevölkerung gegenüber der Idee einer Bioökonomie schließen lässt.

Abbildung 2. Einstellungen zur Idee einer nachhaltigen Bioökonomie (Quelle: Eigene Darstellung)

Die Auswirkungen der Bioökonomie auf Umweltschutzziele werden ebenfalls überwiegend positiv eingeschätzt. Besonders im Hinblick auf die Reduktion von Plastikverschmutzung haben knapp zwei Drittel der Befragten positive Erwartungen (65%). Auch in Bezug auf die Senkung von Klima- und Feinstaubemissionen sowie die Reduzierung des Nitratgehalts im Boden erwarten mehr als die Hälfte der Befragten einen positiven Einfluss der Bioökonomie. Geringfügig weniger überzeugt waren die Befragten von einem Beitrag zur Bekämpfung des Artensterbens und des Verlustes von Naturräumen. Gegenüber anderen möglichen Auswirkungen der Bioökonomie äußerten nur 10-20% der Befragten negative Erwartungen.

Kann reduziert werdenHat keine AuswirkungenKann verschärft werdenKeine Angabe
Plastikmüll in der Umwelt und im Meer65.116.310.48.3
Artensterben49.320.81911
Verlust von Naturräumen41.218.72911.1
CO2-Emissionen59.918.71011.5
Feinstaubbelastung57.722.68.910.9
Nitratbelastung des Grundwassers51.118.914.915.2
Tabelle 1. Bioökonomie als Lösung für Umwelt-Herausforderungen (Quelle: Eigene Darstellung)

Gleichzeitig erwartet mehr als die Hälfte der Befragten einen eher positiven Beitrag der Bioökonomie zu den genannten wirtschaftlichen Zielen. Die höchsten Erwartungen werden dabei mit einem verbesserten Zugang zu Bildung und Forschung (72,4%) sowie der Übernahme einer internationalen Vorbildfunktion für Nachhaltigkeit (69,7%) verknüpft. Interessant ist hier die Verknüpfung mit dem Ziel der internationalen Energieunabhängigkeit (62,7% erwarten einen positiven Einfluss der Bioökonomie), was die Nähe dieses Vorhabens mit der Energiewende unterstreicht. Rund 20% der Befragten erwarten eher negative Auswirkungen der Bioökonomie, wobei diese am häufigsten mit der nationalen Wettbewerbsfähigkeit in Verbindung gebracht werden (25,8%).

 Eher jaEher neinKeine Angabe
Neue Arbeitsplätze schaffen64.420.415.3
Energieunabhängigkeit international steigern (Importabhängigkeit reduzieren)62.720.317.1
Wirtschaftsleistung und Wettbewerbsfähigkeit steigern (regional und international)52.325.821.9
Internationale Vorbildfunktion in Sachen Nachhaltigkeit erreichen69.71515.4
Erschließung neuer Bildungs- und Forschungsfelder72.411.416.3
Energiesicherheit national gewährleisten (Netzstabilität gewährleisten)57.422.520.2
Technologievorsprung international gewährleisten56.420.123.6
Tabelle 2. Bioökonomie als Möglichkeit zur Erfüllung wirtschaftlicher Ziele (Quelle: Eigene Darstellung)

Diese erste Bevölkerungsstudie im Projekt Transform2Bio (https://www.biosc.de/transform2bio) verdeutlicht, dass die Bioökonomie als Zukunftsvision in der Bevölkerung bisher noch nicht ausreichend etabliert ist. Überraschend ist die deutlich positive Einstellung, die dem wenig bekannten Begriff entgegengebracht wird – möglicherweise aufgrund der sprachlichen Nähe zum „bio“-Label. Die zahlreichen Verbindungen, die zu sozio-ökonomischen und Umweltschutzzielen gemacht wurden, verdeutlichen, dass in der deutschen Bevölkerung hohe Erwartungen an die nationale Bioökonomie-Transformation gestellt werden.

Daraus ergibt sich ein großer Kommunikationsbedarf zwischen allen Stakeholdern, um mögliche Konflikte z.B. zum Verhältnis von Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit in der Bioökonomie frühzeitig zu entschärfen. Die Forschungsergebnisse aus dem Transformationsprozess im Rheinischen Revier können in einem weiteren Schritt auf andere Regionen übertragen werden und so zu einem Wandel hin zu einer nachhaltigen Bioökonomie in ganz Deutschland beitragen. 


[1] Dieken, S. und Venghaus, S. (2020): Potential Pathways to the German Bioeconomy: A Media Discourse Analysis of Public Perceptions. Sustainability 12, 7987.

IEK-STE Systemforschung und Technologische Entwicklung

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IEK-STE erforscht die langfristigen Eigenschaften von Energie- und Bioökonomiesystemen im Kontext von Transformation und Innovation. Wir betrachten Energie- und Bioökonomiesysteme als sozio-technische Konfigurationen, bei denen Technologien, Institutionen, Akteure, soziale Praktiken und Kulturen wechselseitig voneinander abhängen und in wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen eingebettet sind. Über die Gesichtspunkte techno-ökonomischer Effizienz hinaus adressieren wir die gesellschaftliche Realisierbarkeit von Transformationspfaden und bewerten sozio-technische Wechselwirkungen im Rahmen des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen Nachhaltigkeitsziele wie Wirtschaftlichkeit, Umweltverträglichkeit und Sozialverträglichkeit. Seit 2015 forschen wir als Core Group im Bioeconomy Science Center gemeinsam mit Partnern aus NRW. Im Rahmen des BioSC-Projekts Transform2Bio widmen wir uns der regionalen Implementierung einer nachhaltigen Bioökonomie und entwickeln und bewerten Transformationspfade insbesondere im Kontext des Strukturwandels im Rheinischen Revier.

One Response to “Bioökonomie als Zukunftsvision für unsere Gesellschaft”

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    Sieglinde Ott

    I think it is a great innovative idea. Bioeconomy will be of high relevance to improve sustainability in the future and will be a prerequisite for necessary socio-technological in the working world. To reach a higher and more substantial consciousness for ecological changes globally a combination of biology, ecology an economy is absolutely necessary

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