Wie geht es weiter mit Open Access in Deutschland? Diese Frage schwebt über den schwierigen Verhandlungen der deutschen Wissenschaftsorganisationen unter dem Dach des Projekts DEAL mit den großen Wissenschaftsverlagen Elsevier, Wiley und SpringerNature. Darin geht es um bundesweite Open-Access-Verträge für das gesamte Portfolio von E-Journals.
Dr. Bernhard Mittermaier ist Leiter der Zentralbibliothek des Forschungszentrums und Mitglied der DEAL-Verhandlungsgruppe. Für die Jülich Blogs haben wir den Open-Access-Experten nach den jüngsten Entwicklungen gefragt.

Bernd Mittermaier verhandelt mit den großen Wissenschaftsverlagen. Bild: R.-U. Limbach / FZJ

Lieber Herr Mittermaier, wie ist der aktuelle Stand der DEAL-Verhandlungen?
Bernd Mittermaier: Die Gespräche mit Springer Nature und Wiley sind auf einem einigermaßen guten Weg. Als sich im September 2017 abzeichnete, dass bis Jahresende kein Abschluss möglich war, wurde zur Vermeidung eines vertragslosen Zustands Anfang 2018 eine Übergangslösung erarbeitet.[1] Diese war mit beiden Verlagen in hochkonzentrierter Arbeit in einigen Abstimmungen per E-Mail, in Telefonkonferenzen und zuletzt bei der Buchmesse möglich. Die gute Atmosphäre in diesen Gesprächen und die nun erstmals vertraglich manifest gewordene Bereitschaft der Verlage, sich auf den DEAL-Weg einzulassen, stimmen mich optimistisch, dass ein Abschluss erreicht werden kann.

Und wie sieht es bei Elsevier aus?
Bernhard Mittermaier: Bei Elsevier ist die Situation deutlich anders. Die Verhandlungen dauern zwar schon fast ein Jahr länger, sind aber weniger weit fortgeschritten als bei Springer Nature und Wiley. Elsevier hat den Ansatz, ausschließlich das Publizieren zu bezahlen, bisher nicht akzeptiert. Auch ist die wechselseitige Aufstellung der Verhandlungspartner wesentlich offensiver: zahlreiche Einrichtungen haben ihre auslaufenden Verträge nicht verlängert. Anfang 2017 waren es knapp 70 Einrichtungen, inzwischen sind es fast 200. Anfang Oktober wurden die ersten Rücktrittserklärungen von namhaften Editor*innen an Elsevier übergeben und veröffentlicht.[2] Elsevier wiederum sucht das Gespräch mit einzelnen Einrichtungen – obwohl gar keine Verhandlungen anstehen. Man schreibt Editor/-innen an und lädt zu „Editors Dinners“ ein, sucht auch den Kontakt zu Rektoraten und zu Ministerien. Aber im Februar gibt es nun auch wieder eine echte Verhandlung zwischen Elsevier-Vertretern und der DEAL-Verhandlungsgruppe.

Zum Jahresbeginn wurden die Zugänge dann doch nicht angeschaltet. Wie kam das?
Bernhard Mittermaier: Ende 2017 gab es Entspannungssignale: Ron Mobed, CEO von Elsevier, antwortete (nach über drei Monaten) auf einen Brief des Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Hippler Er deutete schon in dem Brief an, dass die Zugänge offen bleiben könnten. Am 28. Dezember erhielten dann viele betroffene Einrichtungen eine E-Mail: „we are pleased to confirm that access to Science Direct will not be removed immediately on 1st January 2018 while we continue to work with HRK on a solution”. Die Nachricht wurde am 09.01. zwar zeitlich noch etwas eingeschränkt “We politely informed customers that access arrangements would not change over the holiday season.”, aber offenbar zählt der Karneval auch noch zur holiday season…

Nun gab es ja kürzlich neue Verträge mit Elsevier in Finnland[3] und in Südkorea[4]. Wie schätzen Sie diese ein? Sind sie ein Vorbild für Deutschland?
Bernhard Mittermaier: Das ist schwer zu sagen, weil keine ausreichenden Informationen vorliegen. Südkorea hat einen reinen Subskriptionsvertrag abgeschlossen, mit 3,6% Preissteigerung. Das klingt hoch, könnte aber evtl. gerechtfertigt sein, falls der Ausgangswert sehr niedrig sein sollte. Finnland bezahlt jährlich knapp 9 Millionen Euro für den lesenden Zugriff; die Publikationsgebühren (APCs) werden außerdem um die Hälfte reduziert. Ich habe den Eindruck, dass 9 Millionen Euro für ein Land der Größe Finnlands viel sind, aber auch hier fehlen mir für eine echte Bewertung die Publikationszahlen der Teilnehmereinrichtungen. Enttäuschend ist auf jeden Fall, dass keines der Länder das Experiment „vertragsloser Zustand“ gewagt hat – Deutschland hätte hier Vorbild sein können. Und unabhängig von der wirtschaftlichen Bewertung sind diese Abschlüsse kein Vorbild für DEAL, weil sie nicht 100% Open Access bieten.

Sie sind ja nicht nur Mitglied der Projektgruppe von DEAL, sondern sitzen auch am Verhandlungstisch. Gibt es Jülich-spezifische Sichtweisen und Erfahrungen, die Sie dabei einbringen können?
Bernhard Mittermaier: Dies ist zum einen unser nachweisbares Engagement für Open Access:

  • Bezahlung aller Gold Open Access-Publikationsgebühren aus dem Publikationsfonds ohne Eigenbeteiligung der Autoren. Im Unterschied zu den meisten Universitäten machen wir das rein aus Eigenmitteln ohne DFG-Förderung.
  • Beschluss der Open Access-Strategie durch den Vorstand im November 2015, der u.a. die Zentralbibliothek dazu verpflichtet, den Publikationsfonds stets ausreichend gefüllt zu halten. Der Weg dazu führt notfalls über Abbestellungen.
  • Beschluss der HGF-Mitgliederversammlung mit einer Selbstverpflichtung zu 60% Open Access (grün + gold) im Jahr 2019, danach jährlich um 10% steigend. Wenn man dazu dann noch erwähnt, dass sich das BMBF im Rahmen des Pakt-Monitoring[5] schon sehr genau nach dieser Quote erkundigt hat, dann wird den Verlagen sehr deutlich wie ernst es damit ist.

Und dann noch ein Elsevier-Spezifikum; dazu muss ich etwas ausholen. Üblicherweise wird das Verhältnis Kosten/Downloads als Kenngröße für Zeitschriften verwendet. In welchem Verhältnis stehen die Ausgaben zur Nutzung? Der Nenner wird allerdings immer schlechter fassbar: Zum einen gibt es immer mehr alternative Wege des Zugangs zu Artikeln, weshalb die Download-Zahlen einen tendenziell immer kleineren Anteil an der tatsächlichen Nutzung messen (allerdings nicht zwingend gleichermaßen für alle Verlage). Zum anderen versuchen Verlage, möglichst hohe Nutzungszahlen auf ihren Seiten zu erzeugen. Elsevier ist dabei ausgesprochen kreativ: In der Regel hat man zuerst eine html-Volltextansicht ehe man zur pdf-Datei kommt, was bereits als zwei Downloads gezählt wird. Lädt man die pdf-Datei herunter wird einem angeboten, gleich das ganze Heft herunterzuladen, wodurch für jeden enthaltenen Artikel ein Download gezählt wird (ein gedrucktes Heft komplett zu kopieren wäre übrigens urheberrechtlich verboten!), und anschließend werden einem direkt noch weitere, ähnliche Artikel angeboten. Kurzum: An einer davon abgeleiteten Größe sollte man nicht die Bewertung einer Zeitschrift festmachen. Wir verwenden daher die Größe Kosten/Publikationszahl. Die Publikationszahl bezieht sich auf corresponding authors aus Jülich in einer Zeitschrift. Diese Größe hat den Nachteil, dass sie bei kleinen Publikationszahlen unbrauchbar wird. Dies gilt aber nicht, wenn man das gesamte Portfolio eines Verlags betrachtet. Außerdem ist es eine zukunftsfeste Größe, die auch für Gold Open Access bestens verwendbar ist. Betrachtet man nun die entsprechenden Werte für verschiedene Verlage, so liegen SpringerNature und Wiley zwar deutlich über dem Durchschnitt, aber in einem noch akzeptablen Bereich. Die Kosten/Publikation bei Elsevier betragen dagegen mehr als das Doppelte des Durchschnitts aller anderen Verlage. Das ist indiskutabel und hat zur Konsequenz, dass bei Elsevier nicht „nur“ die Umstellung des Geschäfts- und Bezahlmodells zu fordern ist, sondern auch eine Kostenreduzierung.


[1] https://www.projekt-deal.de/vertragskundigungen-elsevier-2017/

[2] https://www.projekt-deal.de/herausgeber_elsevier/

[3] http://finelib.fi/finelib-and-elsevier-agreement-access-to-scholarly-journals-and-50-percent-discount-of-article-processing-charges/

[4] http://www.sciencemag.org/news/2018/01/south-korean-universities-reach-agreement-elsevier-after-long-standoff

[5] https://www.bmbf.de/de/pakt-fuer-forschung-und-innovation-546.html 

Marcel Bülow

Über Marcel Bülow

Marcel Bülow, a science journalist by training, joined Forschungszentrum Jülich in 2012. As social media manager in the corporate communications department he is editor of the „Jülich Blogs“ and the voice of Forschungszentrum Jülich on Facebook, Twitter and Co.

4 Kommentare zu “Wie geht es weiter mit Open Access in Deutschland?”

  1. Tobias Cronert

    Gute Arbeit, weiter so!

    Kann man als Paperschreiber irgendwie helfen? Ich hatte letztens noch bei Elsevier ein Paper, weil die Konferenz ihre Proceedings pauschal über die publiziert hat. Unter anderen Umständen hätte ich einen anderen Verlag gewählt.

    Sollte man auf Anfrage als (unentgeltlicher) Reviewer antworten: „Nein, jetzt erstmal nicht. Erst, wenn ihr den DEAL abgeschlossen habt.“?

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    • Bernhard Mittermaier

      Lieber Herr Cronert,
      vielen Dank für Ihre Unterstützung!
      Seitens DEAL gibt es keinen offiziellen Aufruf, bei Elsevier keine Artikel mehr zu begutachten oder einzureichen (das käme erst als letzter Schritt). Wenn Sie es selbst tun (immer mit Hinweis auf die DEAL-Verhandlungen und bitte in Kopie an mich), dann ist das aber sicher hilfreich. Die bereits stattfindenen Niederlegungen von Herausgeberschaften (die portionsweise an den CEO geschickt werden) werden als Nadelstiche durchaus wahrgenommen.

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  2. Oliver Obst

    Herr Mittermaier, können Sie Quellen nennen für ihre Aussagen zum Wert Kosten/Publikation? Danke, O.Obst

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    • Bernhard Mittermaier

      Lieber Herr Obst,
      unserem Open Access-Barometer http://www.fz-juelich.de/zb/DE/Leistungen/Open_Access/oa_barometer/oa_barometer_node.html können Sie folgendes entnehmen:
      Anteil an den Ausgaben: Elsevier 39,9%; Rest (durch Differenzbildung) 60,1%
      Anteil an den Publikationen: Elsevier 25,1%; Rest 74,9%
      Quotient Anteil Ausgaben / Anteil Publikationen:
      Elsevier 39,9% / 25,1% = 1,59.
      Rest: 60,1% / 74,9% = 0,811.
      1,59 / 0,811 = 1,96. Dies ist der Wert 2016. Aus den 2017er Zahlen, die demnächst im OA-Barometer publiziert werden, ergibt sich ein Verhältnis von 2,07.

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