I.

Auf die Bedeutung von Reiseberichten wurde bereits in dem Artikel „Q“ = Quellen hingewiesen: Eine Abordnung der Zentralbibliothek  war 1963 zum Deutschen Rechenzentrum Darmstadt gefahren, um an einer IBM 7090 Grundzüge des Programmierens kennenzulernen. Zwar ist die Maschine anfangs noch nicht funktionstüchtig gewesen, aber die Jülicher erwarben schließlich einige Kenntnisse, die für die Modernisierung in der Informationsdarbietung von Bedeutung waren. Davon handelte der Reisebericht, worin an manchen Stellen freilich bildungsbürgerliche Überheblichkeit gegenüber den „Elektronengehirnen“ durchschien.

Im Archiv des Forschungszentrums sind Hunderte von Reiseberichten enthalten. Es handelt sich nicht um eine Quellengattung unter vielen anderen. Sie ermöglicht Einblicke, die der Wissenschafts-, Forschungs- und Networking-Geschichte ein neues Relief verleihen. Reise- und Konferenzberichte informieren über jeweils neue Tendenzen in der Forschung, über die Situation in anderen Forschungseinrichtungen und Universitäten, belegen die zunehmende nationale und internationale Vernetzung, charakterisieren die Wissenschaftskulturen in einzelnen Staaten sowie die politischen  Großwetterlagen.

Vergleichbare Berichte enthalten unter anderem auch die Archive von Universitäten und Wirtschaftsunternehmen. Es ist zu bedauern, dass diese Quellengruppe in der Forschung zu wenig oder gar nicht berücksichtigt wird.

II.

Häufig sind Ländercharakterisierungen Teil der Berichte. Es handelt sich dabei nicht um Beiwerk. Vielmehr wird von der gesellschaftlichen Gesamtsituation aus gewissermaßen ein Korridor beschrieben, innerhalb dessen wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit möglich sein konnte. So skizziert der Bericht eines Jülicher Vorstandsmitglieds über eine Reise nach Japan im Januar 1977 die wirtschaftliche Lage des Landes, um darauf aufbauend Einstiegsmöglichkeiten der wissenschaftlich-technologischen Kooperation zu nennen:

„Nach dem starken wirtschaftlichen und psychologischen Einbruch, den die Ölkrise[1] in Japan verursacht hatte und den ich durch meine Besuche 1972 und 1974 deutlich spüren konnte, hat sich die Situation in Japan jetzt wieder deutlich verbessert, obwohl auch Japan wie Deutschland von Inflation und Arbeitslosigkeit geplagt werden. Trotz dieser Verbesserung ist die wirtschaftliche Lage nicht stabil. Insbesondere die Stahl- und Behälterbau-Industrie klagt über zu geringe Auftragsbestände, und im Schiffbau  – einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Japans –  beginnt sich die Konkurrenz von Ländern wie Korea und Formosa[2] mit Dumping-Preisen auszuwirken. Die japanische Industrie versucht, dieser Situation dadurch zu begegnen, dass sie neue Technologien entwickelt und in neue Fertigungsgebiete eindringt. Dies tut sie einmal im Rahmen staatlich geförderter Programme, zum anderen aber auch auf eigene Kosten. Hierzu hat sie die Möglichkeit, weil in Japan offensichtlich durch das niedrigere Lohnniveau die Gewinnspannen der Industriefirmen erheblich höher sind als in Deutschland.“

Keywords für eine deutsch-japanische Zusammenarbeit sind also neue Technologien und staatlich geförderte Programme.

In einem umfangreichen Bericht vom Juli 1983 über China wird auf „Planung und Management wissenschaftlich-technischer Arbeiten in der Volksrepublik China“ eingegangen. Eine sehr lesenswerte Schrift. Bei der Lektüre betreten wir eine fremde Welt und fühlen uns an Thomas Manns Wort erinnert, dass „lange her“ nicht eine Frage von Jahren sei. Wir erfahren nämlich von den Auswirkungen der bizarren „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ auf die Universitäten. Durch diese Revolution sei die positive Entwicklung  im Ausbau der Universitäten abgebrochen worden. Man verlor „Millionen ausgebildeter Studenten“, und es entstand eine Lücke von zehn Jahren im wissenschaftlichen und allgemein qualifizierten Personalbereich. Daher schrieb der Jülicher Berichterstatter: „Es ist eine ganz wichtige Aufgabe, die Überzeugung zu verbreiten, dass wissenschaftliche Karriere wichtig ist.“ Ab Ende der Siebziger Jahre, nach Zerschmetterung der „Viererbande“[3], zeigte sich Licht am Ende des Tunnels, 1978 erkannte der Nationale Wissenschaftskongress an, „dass Wissenschaft und Technik Bestandteil der produktiven Kräfte und nicht reaktionär“ seien. Vier Jahre später, September 1982, wurde auf dem 12. Partei-Kongress die Losung ausgegeben: „Die Wissenschaft dient der Wirtschaft“. Dadurch wurde eine wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit mit China überhaupt erst wieder möglich.

III.

Berichte der 1970er und frühen 1980er Jahre entstammen der „K“-Phase der damaligen Kernforschungsanlage. Vielfach wurde Zusammenarbeit auf dem Sektor der friedlichen Kernenergienutzung angestrebt, um Jülicher Nukleartechnologie an Regierungen heranzutragen oder auf die Märkte zu bringen. Aber auch über andere Gebiete der Zusammenarbeit wurde gesprochen. Es handelte sich um Themen, die aus heutiger Sicht überraschen: Ökologie, alternative Energie-Erzeugung.

Im Januar 1979 schrieb der damalige Jülicher Vorstandsvorsitzende Karl Heinz Beckurts seinen „Bericht über eine Israel-Reise“. Er war beeindruckt von der hohen Sachkompetenz der israelischen Gesprächspartner und deren großem Interesse an einer Vertiefung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Forschungsinstitutionen der Bundesrepublik, wohl nicht zuletzt, wie Beckurts mutmaßte, „angesichts wachsender Befürchtungen vor der Gefahr einer Isolation und einer spürbaren Abkühlung der Bindungen nach Amerika“. Es ging auch um Kernenergie, aber für die israelischen Wissenschaftler war eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Algenforschung besonders wichtig. Algen sollten zur Wasserreinhaltung beitragen.[4] Ein Jahr darauf, 1980, berichteten drei Jülicher Wissenschaftler über einen Besuch der Universität Tel Aviv. Dort präsentierten die israelischen Gastgeber ein neu entwickeltes „Sonnenauto“, das durch die Umwandlung von Sonnenwärme in Strom angetrieben wurde.

Bleiben wir noch für einen Moment in Israel. 1984 wurde im weltberühmten Weizmann Institute of Science (WIS) in Rehovot über einen Zusammenarbeitsvertrag zwischen der KFA Jülich und dem WIS über den Transport von Sonnenenergie mit Pipelines nach dem Prinzip der Methanisierung verhandelt. Ein WIS-Vertreter stellte jedoch die besondere Kompetenz der DFVLR in den Vordergrund.[5] Das hörte der Jülicher Vertreter nicht gerne: „Ich war mit den Herren des WIS einig, dass die KFA für die Seite des Energietransports der richtige Partner ist.“ Selbstverständlich ist die Konkurrenz zwischen den deutschen Großforschungseinrichtungen auch den Reiseberichten zu entnehmen.[6]

Die Anbahnung internationaler wissenschaftlicher Kooperation trug mit Unterstützung des damaligen Bundesministeriums für Forschung und Technologie (heute BMBF) auch Züge einer kleinen Außenpolitik. Angestrebt wurde unter anderem, mit deutscher Hilfe eine wissenschaftliche Kooperation zwischen Ägypten und Israel anzubahnen. Auch sollten an Universitäten moderne Labors für Dozenten und Studenten eingerichtet, also Wissenschaftsinfrastrukturen, aufgebaut werden.

So in Brasilien. Ende 1972 reisten drei Mitarbeiter des Jülicher Instituts für Physikalische Chemie dorthin. Ihr Reisebericht enthält zahlreiche Details über die Situation an den Hochschulen Belem, Fortaleza, Salvador, Floreanopolis und Rio de Janeiro. Besucht wurden Institute für Physik und Geowissenschaften, Physik und Chemie, Physikalische Chemie. Auf der  Reise sollten Möglichkeiten erkundet werden, mit Jülicher Hilfe Forschung und Lehre zu modernisieren oder auch erst zu ermöglichen. Hierbei war nicht allein an die apparative Ausstattung gedacht, sondern auch an Angebote von Kursen und physikalisch-chemischer Praktika. Die neuen Institutsgebäude standen, aber die Ausstattung wurde in einzelnen Fällen als unzureichend bewertet. An einer Stelle heißt es sogar: „Forschung wird zur Zeit kaum betrieben.“ Zufriedenstellend erschien den Jülicher Wissenschaftlern dagegen die Ausstattung an der Universität Salvador. Die  modernen und gut funktionierenden Messgeräte kamen aus der DDR und waren gegen Kaffeelieferungen („Kaffeetausch“) erworben worden. Es wurde in Brasilien aber nicht nur über die Ausstattung physikalisch-chemischer Institute gesprochen, sondern auch über „Untersuchungen zur Pollution der Bucht von Bahia, die heute schon durch die Abwässer einiger Hüttenwerke und der heimischen Petroleumindustrie Verschmutzungserscheinungen aufweist“.

IV.

Die Berichte fördern auch Überraschendes und Verblüffendes zutage. So etwa bei der Charakterisierung der wissenschaftlichen Infrastruktur eines Staates, mit dem die Helmholtz-Zentren heute eng zusammenarbeiten.

Ein Jülicher Wissenschaftler berichtete 2003 über Gespräche im dortigen Wissenschaftsministerium:

„Die mangelnde Anzahl an promovierten Professoren bereitet der Regierung Sorge. So verfügen an sieben Schwerpunkthochschulen lediglich sieben Prozent und an 72 weiteren Universitäten nur zwanzig Prozent der Professoren über eine Promotion. An allen Universitäten (…) sind weniger als fünfzig Prozent der Lehrkräfte promoviert.“

In einem großen Institut befand sich eine Menge komplizierter und teurer Apparate der instrumentellen Analytik. Aber: „Alle Geräte waren außer Betrieb und abgedeckt mit dem Hinweis auf die Abwesenheit der entsprechenden Gerätebetreuer.“ Die Situation, so muss unterstrichen werden, hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt.

Und was sagen die Reiseberichte über die Mentalität der Verfasser aus? In einem frühen Bericht, Juni 1960, fasste ein Jülicher Ingenieur seine Erfahrungen bei einem Aufenthalt im britischen Harwell  am Materialprüfreaktor DIDO zusammen:

„An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich von einer Reserviertheit der Engländer Ausländern gegenüber nicht viel feststellen konnte.  Zwar erwiesen sich die meisten am Anfang als verschlossen und wenig mitteilsam, gaben aber nach einigen Wochen freiwillig Hinweise“.

Dass der Ingenieur erst nach einigen Wochen engere Kontakte zum Betriebspersonal herstellen konnte, „lag wohl weniger an einer bösen Absicht als an einer allgemeinen Eigenart der Engländer“.

Ja, ja, so ist er nun einmal, der Engländer …

 


[1] Die Ölkrise bzw. der „Ölpreisschock“ der Jahre 1973 bis 1975 hatte in zahlreichen westlichen Staaten zu Rezessionen bewirkt. Ältere Leser erinnern sich an die autofreien Sonntage, an denen viele Menschen über die Autobahnen spazierten.

[2] Taiwan.

[3] Die „Viererbande“ war eine linksradikale Fraktion der chinesischen KP und verantwortlich oder mitverantwortlich für die Gräuel der „Kulturrevolution“ zwischen 1966 und 1976. Die Zahl der Opfer betrug ca. ½ Mio. Menschen. 1966 brachte SPIEGEL die Titelgeschichte „Maos Rote Garde“  (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46415271.html).

[4] Siehe „A“ = Algenforschung im Jülicher Alphabet.

[5] DFVLR (Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft und Raumfahrt). Der damals so genannte „Konsonantenverein“ firmiert seit 1989 unter dem Namen DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt).

[6] Selbstverständlich war das heutige Forschungszentrum in den 1970er Jahren keine Einrichtung zur Erforschung alternativer Energiequellen. Noch stand die Kerntechnik im Vordergrund und belief sich auf rd. 50 % der Gesamtaktivitäten (1990 = 20 %; 1999 = 7 %). Doch bereits 1975 wurden Informationsreisen nach Ägypten unternommen, um gemeinsame Projekte auf den Gebieten Solarenergie und Wasserentsalzung zu entwerfen. 1978 wurde die „Programmleitung Sonnenenergie“ gebildet.

Bernd Rusinek

About Bernd Rusinek

Prof. Dr. Bernd-A. Rusinek leitet seit Anfang 2007 das Archiv des Forschungszentrums, zugleich lehrt er Neuere und Neueste Geschichte in Düsseldorf.

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