I.

Auf die Bedeutung von Reiseberichten wurde bereits in dem Artikel „Q“ = Quellen hingewiesen: Eine Abordnung der Zentralbibliothek  war 1963 zum Deutschen Rechenzentrum Darmstadt gefahren, um an einer IBM 7090 Grundzüge des Programmierens kennenzulernen. Zwar ist die Maschine anfangs noch nicht funktionstüchtig gewesen, aber die Jülicher erwarben schließlich einige Kenntnisse, die für die Modernisierung in der Informationsdarbietung von Bedeutung waren. Davon handelte der Reisebericht, worin an manchen Stellen freilich bildungsbürgerliche Überheblichkeit gegenüber den „Elektronengehirnen“ durchschien.

Im Archiv des Forschungszentrums sind Hunderte von Reiseberichten enthalten. Es handelt sich nicht um eine Quellengattung unter vielen anderen. Sie ermöglicht Einblicke, die der Wissenschafts-, Forschungs- und Networking-Geschichte ein neues Relief verleihen. Reise- und Konferenzberichte informieren über jeweils neue Tendenzen in der Forschung, über die Situation in anderen Forschungseinrichtungen und Universitäten, belegen die zunehmende nationale und internationale Vernetzung, charakterisieren die Wissenschaftskulturen in einzelnen Staaten sowie die politischen  Großwetterlagen.

Vergleichbare Berichte enthalten unter anderem auch die Archive von Universitäten und Wirtschaftsunternehmen. Es ist zu bedauern, dass diese Quellengruppe in der Forschung zu wenig oder gar nicht berücksichtigt wird.

II.

Häufig sind Ländercharakterisierungen Teil der Berichte. Es handelt sich dabei nicht um Beiwerk. Vielmehr wird von der gesellschaftlichen Gesamtsituation aus gewissermaßen ein Korridor beschrieben, innerhalb dessen wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit möglich sein konnte. So skizziert der Bericht eines Jülicher Vorstandsmitglieds über eine Reise nach Japan im Januar 1977 die wirtschaftliche Lage des Landes, um darauf aufbauend Einstiegsmöglichkeiten der wissenschaftlich-technologischen Kooperation zu nennen:

„Nach dem starken wirtschaftlichen und psychologischen Einbruch, den die Ölkrise[1] in Japan verursacht hatte und den ich durch meine Besuche 1972 und 1974 deutlich spüren konnte, hat sich die Situation in Japan jetzt wieder deutlich verbessert, obwohl auch Japan wie Deutschland von Inflation und Arbeitslosigkeit geplagt werden. Trotz dieser Verbesserung ist die wirtschaftliche Lage nicht stabil. Insbesondere die Stahl- und Behälterbau-Industrie klagt über zu geringe Auftragsbestände, und im Schiffbau  – einem der wichtigsten Wirtschaftszweige Japans –  beginnt sich die Konkurrenz von Ländern wie Korea und Formosa[2] mit Dumping-Preisen auszuwirken. Die japanische Industrie versucht, dieser Situation dadurch zu begegnen, dass sie neue Technologien entwickelt und in neue Fertigungsgebiete eindringt. Dies tut sie einmal im Rahmen staatlich geförderter Programme, zum anderen aber auch auf eigene Kosten. Hierzu hat sie die Möglichkeit, weil in Japan offensichtlich durch das niedrigere Lohnniveau die Gewinnspannen der Industriefirmen erheblich höher sind als in Deutschland.“

Keywords für eine deutsch-japanische Zusammenarbeit sind also neue Technologien und staatlich geförderte Programme.

In einem umfangreichen Bericht vom Juli 1983 über China wird auf „Planung und Management wissenschaftlich-technischer Arbeiten in der Volksrepublik China“ eingegangen. Eine sehr lesenswerte Schrift. Bei der Lektüre betreten wir eine fremde Welt und fühlen uns an Thomas Manns Wort erinnert, dass „lange her“ nicht eine Frage von Jahren sei. Wir erfahren nämlich von den Auswirkungen der bizarren „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ auf die Universitäten. Durch diese Revolution sei die positive Entwicklung  im Ausbau der Universitäten abgebrochen worden. Man verlor „Millionen ausgebildeter Studenten“, und es entstand eine Lücke von zehn Jahren im wissenschaftlichen und allgemein qualifizierten Personalbereich. Daher schrieb der Jülicher Berichterstatter: „Es ist eine ganz wichtige Aufgabe, die Überzeugung zu verbreiten, dass wissenschaftliche Karriere wichtig ist.“ Ab Ende der Siebziger Jahre, nach Zerschmetterung der „Viererbande“[3], zeigte sich Licht am Ende des Tunnels, 1978 erkannte der Nationale Wissenschaftskongress an, „dass Wissenschaft und Technik Bestandteil der produktiven Kräfte und nicht reaktionär“ seien. Vier Jahre später, September 1982, wurde auf dem 12. Partei-Kongress die Losung ausgegeben: „Die Wissenschaft dient der Wirtschaft“. Dadurch wurde eine wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit mit China überhaupt erst wieder möglich.

III.

Berichte der 1970er und frühen 1980er Jahre entstammen der „K“-Phase der damaligen Kernforschungsanlage. Vielfach wurde Zusammenarbeit auf dem Sektor der friedlichen Kernenergienutzung angestrebt, um Jülicher Nukleartechnologie an Regierungen heranzutragen oder auf die Märkte zu bringen. Aber auch über andere Gebiete der Zusammenarbeit wurde gesprochen. Es handelte sich um Themen, die aus heutiger Sicht überraschen: Ökologie, alternative Energie-Erzeugung.

Im Januar 1979 schrieb der damalige Jülicher Vorstandsvorsitzende Karl Heinz Beckurts seinen „Bericht über eine Israel-Reise“. Er war beeindruckt von der hohen Sachkompetenz der israelischen Gesprächspartner und deren großem Interesse an einer Vertiefung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Forschungsinstitutionen der Bundesrepublik, wohl nicht zuletzt, wie Beckurts mutmaßte, „angesichts wachsender Befürchtungen vor der Gefahr einer Isolation und einer spürbaren Abkühlung der Bindungen nach Amerika“. Es ging auch um Kernenergie, aber für die israelischen Wissenschaftler war eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Algenforschung besonders wichtig. Algen sollten zur Wasserreinhaltung beitragen.[4] Ein Jahr darauf, 1980, berichteten drei Jülicher Wissenschaftler über einen Besuch der Universität Tel Aviv. Dort präsentierten die israelischen Gastgeber ein neu entwickeltes „Sonnenauto“, das durch die Umwandlung von Sonnenwärme in Strom angetrieben wurde.

Bleiben wir noch für einen Moment in Israel. 1984 wurde im weltberühmten Weizmann Institute of Science (WIS) in Rehovot über einen Zusammenarbeitsvertrag zwischen der KFA Jülich und dem WIS über den Transport von Sonnenenergie mit Pipelines nach dem Prinzip der Methanisierung verhandelt. Ein WIS-Vertreter stellte jedoch die besondere Kompetenz der DFVLR in den Vordergrund.[5] Das hörte der Jülicher Vertreter nicht gerne: „Ich war mit den Herren des WIS einig, dass die KFA für die Seite des Energietransports der richtige Partner ist.“ Selbstverständlich ist die Konkurrenz zwischen den deutschen Großforschungseinrichtungen auch den Reiseberichten zu entnehmen.[6]

Die Anbahnung internationaler wissenschaftlicher Kooperation trug mit Unterstützung des damaligen Bundesministeriums für Forschung und Technologie (heute BMBF) auch Züge einer kleinen Außenpolitik. Angestrebt wurde unter anderem, mit deutscher Hilfe eine wissenschaftliche Kooperation zwischen Ägypten und Israel anzubahnen. Auch sollten an Universitäten moderne Labors für Dozenten und Studenten eingerichtet, also Wissenschaftsinfrastrukturen, aufgebaut werden.

So in Brasilien. Ende 1972 reisten drei Mitarbeiter des Jülicher Instituts für Physikalische Chemie dorthin. Ihr Reisebericht enthält zahlreiche Details über die Situation an den Hochschulen Belem, Fortaleza, Salvador, Floreanopolis und Rio de Janeiro. Besucht wurden Institute für Physik und Geowissenschaften, Physik und Chemie, Physikalische Chemie. Auf der  Reise sollten Möglichkeiten erkundet werden, mit Jülicher Hilfe Forschung und Lehre zu modernisieren oder auch erst zu ermöglichen. Hierbei war nicht allein an die apparative Ausstattung gedacht, sondern auch an Angebote von Kursen und physikalisch-chemischer Praktika. Die neuen Institutsgebäude standen, aber die Ausstattung wurde in einzelnen Fällen als unzureichend bewertet. An einer Stelle heißt es sogar: „Forschung wird zur Zeit kaum betrieben.“ Zufriedenstellend erschien den Jülicher Wissenschaftlern dagegen die Ausstattung an der Universität Salvador. Die  modernen und gut funktionierenden Messgeräte kamen aus der DDR und waren gegen Kaffeelieferungen („Kaffeetausch“) erworben worden. Es wurde in Brasilien aber nicht nur über die Ausstattung physikalisch-chemischer Institute gesprochen, sondern auch über „Untersuchungen zur Pollution der Bucht von Bahia, die heute schon durch die Abwässer einiger Hüttenwerke und der heimischen Petroleumindustrie Verschmutzungserscheinungen aufweist“.

IV.

Die Berichte fördern auch Überraschendes und Verblüffendes zutage. So etwa bei der Charakterisierung der wissenschaftlichen Infrastruktur eines Staates, mit dem die Helmholtz-Zentren heute eng zusammenarbeiten.

Ein Jülicher Wissenschaftler berichtete 2003 über Gespräche im dortigen Wissenschaftsministerium:

„Die mangelnde Anzahl an promovierten Professoren bereitet der Regierung Sorge. So verfügen an sieben Schwerpunkthochschulen lediglich sieben Prozent und an 72 weiteren Universitäten nur zwanzig Prozent der Professoren über eine Promotion. An allen Universitäten (…) sind weniger als fünfzig Prozent der Lehrkräfte promoviert.“

In einem großen Institut befand sich eine Menge komplizierter und teurer Apparate der instrumentellen Analytik. Aber: „Alle Geräte waren außer Betrieb und abgedeckt mit dem Hinweis auf die Abwesenheit der entsprechenden Gerätebetreuer.“ Die Situation, so muss unterstrichen werden, hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt.

Und was sagen die Reiseberichte über die Mentalität der Verfasser aus? In einem frühen Bericht, Juni 1960, fasste ein Jülicher Ingenieur seine Erfahrungen bei einem Aufenthalt im britischen Harwell  am Materialprüfreaktor DIDO zusammen:

„An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich von einer Reserviertheit der Engländer Ausländern gegenüber nicht viel feststellen konnte.  Zwar erwiesen sich die meisten am Anfang als verschlossen und wenig mitteilsam, gaben aber nach einigen Wochen freiwillig Hinweise“.

Dass der Ingenieur erst nach einigen Wochen engere Kontakte zum Betriebspersonal herstellen konnte, „lag wohl weniger an einer bösen Absicht als an einer allgemeinen Eigenart der Engländer“.

Ja, ja, so ist er nun einmal, der Engländer …

 


[1] Die Ölkrise bzw. der „Ölpreisschock“ der Jahre 1973 bis 1975 hatte in zahlreichen westlichen Staaten zu Rezessionen bewirkt. Ältere Leser erinnern sich an die autofreien Sonntage, an denen viele Menschen über die Autobahnen spazierten.

[2] Taiwan.

[3] Die „Viererbande“ war eine linksradikale Fraktion der chinesischen KP und verantwortlich oder mitverantwortlich für die Gräuel der „Kulturrevolution“ zwischen 1966 und 1976. Die Zahl der Opfer betrug ca. ½ Mio. Menschen. 1966 brachte SPIEGEL die Titelgeschichte „Maos Rote Garde“  (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46415271.html).

[4] Siehe „A“ = Algenforschung im Jülicher Alphabet.

[5] DFVLR (Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft und Raumfahrt). Der damals so genannte „Konsonantenverein“ firmiert seit 1989 unter dem Namen DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt).

[6] Selbstverständlich war das heutige Forschungszentrum in den 1970er Jahren keine Einrichtung zur Erforschung alternativer Energiequellen. Noch stand die Kerntechnik im Vordergrund und belief sich auf rd. 50 % der Gesamtaktivitäten (1990 = 20 %; 1999 = 7 %). Doch bereits 1975 wurden Informationsreisen nach Ägypten unternommen, um gemeinsame Projekte auf den Gebieten Solarenergie und Wasserentsalzung zu entwerfen. 1978 wurde die „Programmleitung Sonnenenergie“ gebildet.

Tage der Offenen Tür werden von Industrie-Unternehmen, großen Behörden und Forschungseinrichtungen organisiert. Sie haben in der Regel vier Ziele: Transparenz, Information, Image, Medien-Echo, also öffentliche Aufmerksamkeit. Tage der Offenen Tür sollen auch Vorurteile abbauen („Tag der Offenen Moschee“) oder das Interesse an Kultur im weiteren Sinne wecken („Tag des Offenen Museums“). Das Ziel der Transparenz bedeutet natürlich nur in den seltensten Fällen, dass den Besuchern alles gezeigt wird.

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In memoriam Peter Grünberg (1939 – 2018), Physiknobelpreis 2007

I.

Der Nobelpreis ist die bedeutendste Auszeichnung für Wissenschaftler überhaupt. Wer ihn erhält, den umgibt eine Gloriole der Unsterblichkeit. Solange Zivilisation besteht, wird das Werk bekannt bleiben.

Der Nobelpreis wurde, was besonders hervorzuheben ist, von Anfang an international vergeben. Den Preis hat  – für die Leser keine Neuigkeit –  der Erfinder des Dynamits 1895 gestiftet. Grundstock für die Dotierung der Preise sind bis heute die Zinserträge aus Alfred Nobels vermachtem Riesenvermögen. Verglichen mit Deutschland hat es in Schweden keine nennenswerte Inflation gegeben.

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Über den „Mittelbau“ im Forschungszentrum zu schreiben, ist ein Wagnis. Wie dessen Geschichte auf ein paar Seiten abhandeln, wo dieses Thema Monografien benötigte, um bis in die Tiefe ausgeleuchtet zu werden? Würde dies getan, wir wüssten nicht nur mehr über „Jülich“, über weite Teile der Forschung und Entwicklung, wir könnten auch analysieren, wie gesellschaftliche Umbruchszeiten sich auf ein Forschungszentrum auswirken. Eine solche Umbruchszeit waren die 1960er Jahre. Zu dieser Zeit bildete sich eine eigene Vertretung des Mittelbaus heraus.

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Wieso „Lehrlinge“ bzw. „Lehrlingsausbildung“? Heißt es nicht seit 1971 „Auszubildende“ oder auch „Azubi“? Man könnte sagen, das „A“ sei in diesem Blog bereits besetzt (siehe: „A“ wie „Algenforschung“). Ferner ist in den historischen Quellen für diesen kleinen Beitrag häufig von „Lehrlingen“ die Rede. Wo nicht oder nicht mehr, soll auch hier das Gerundivum „Auszubildende“ verwendet werden. Dem Sprachkritiker klingt ein solches Gerundivum  nicht gut in den Ohren. „Auszubildendenausbildung“ klingt auch nicht. Und markieren Wörter wie „Azubi“, „Ersti“, „Schiri“, „Studi“ oder auch „Uni“ nicht eine Infantilisierung der Sprache? Aber lassen wir diese Reminiszenzen an den großen Sprachkritiker Karl Kraus.

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Überall auf dem Campus erkennen wir Auseinandersetzungen mit Schlüsselwerken der Moderne. Wer denkt bei den Eisenwänden zur Innenabstützung ausgehobener Gräben nicht an die Skulpturen von Richard Serra? Erd- und Schachtarbeiten sind natürlich eine Anspielung auf Anselm Kiefer. Geht die Optik mancher unfertiger Innenreparaturen und Malerarbeiten vielleicht auf die Auseinandersetzung der Installateure und Maler mit dem Werk des späten Jackson Pollock zurück? „Aber nein“, so einer der Mitarbeiter, „also Sie haben ja überhaupt gar keine Ahnung! Doch nicht Jackson Pollock. Cy Twombly natürlich, denken Sie doch mal an ‘The Italians‘ …“

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Diesen Beitrag zum Buchstaben „J“ haben die Leser kommen sehen.

Vermutlich ist über die Jülicher Stadtgeschichte fast alles gesagt. Römersiedlung; Cäsar schlug die Eburonen, wenn auch nicht völlig, so dass die Ubier das Terrain zeitweise in Beschlag nehmen konnten; Aufbau einer Festung im Mittelalter, die später als die stärkste Europas galt. Jülich gehörte nacheinander, in kürzeren oder längeren Abschnitten, womöglich den Eburonen sowie danach den Ubiern, anschließend den Römern, den Franken, dem Erzbischof von Köln, dem Haus Berg; die Stadt geriet in pfälzische, spanische, französische und preußische Hände.

„Und jeder haut, und jeder sticht (…)“ (Wilhelm Busch)

Peter Paul Rubens "Die Einnahme von Jülich"

Peter Paul Rubens „Die Einnahme von Jülich“

Ohne Vollständigkeit anzustreben ergibt ein flüchtiger Überblick mehr als fünfzehn Kriege, Zerstörungen und Eroberungen. In Mitleidenschaft gezogen wurde die Festungsstadt Jülich etwa im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) und im Achtzigjährigen Krieg (1568 – 1648), ebenso in der Franzosenzeit. Vollkommene Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zur Festung selbst war der Nimbus der Festung ungebrochen, so dass sich Winston Churchill in den Trümmern fotografieren ließ. Nach Kriegsende beteiligte Jülich sich an dem „makabren Wettbewerb“ (Heinrich Böll), welche deutsche Stadt am meisten zerstört worden sei. Auch die vielfach anzutreffende finstere Wander-Anekdote, man habe die Trümmer verlassen und die Stadt anderswo aufbauen wollen, ist über Jülich zu hören.

Wir dürfen bei historischer Betrachtung des Kriegsgetümmels keinesfalls den Jülich-Klevischen Erbfolgekrieg (1609 – 1614) vergessen! Er hat etwa mit dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 gemeinsam, dass ihn kaum jemand versteht. Geschichtsspötter wie Gottfried Benn oder Robert Musil hätten ihre Freude daran gehabt.[1] Wer sich in der Geschichte der Kathederblüte auskennt, wird an die legendäre Frage Professor Gallettis im Geschichtsunterricht erinnert: „Wer schlug wen, wann und wo?“ Wäre der Verfasser dieser Zeilen genötigt worden, sich im Abitur mit den Wirrnissen des Jülich-Klevischen Erbfolgekrieges auseinanderzusetzen, hätte er ein anderes Studienfach gewählt.

Mit ihrer Festung hatten die Jülicher oftmals Pech. Je geschlossener ein Festungssystem, desto leichter kann es ausgehungert werden. Die Festung wurde wohl siebenmal erobert oder kampflos übergeben. Ihre Reste verhinderten im 19. Jahrhundert, dass Jülich an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde. Stattdessen erhielt Düren den Zuschlag. Jülich verhält sich zu Düren wie Düsseldorf zu Köln. Fast hätte Düren nach der Eisenbahn auch noch ein weiteres Modernisierungsgeschenk erhalten. Sie wäre nämlich um ein Haar Standort der nordrhein-westfälischen Kernforschungsanlage geworden, des heutigen Forschungszentrums Jülich, ohne das die Modernisierung der Stadt schwer vorstellbar ist. In Unterlagen der Frühzeit ist von der „Kernforschungsanlage Düren“ die Rede.

Das Renaissance-Schloss im Innern der gewaltigen Zitadelle (2014) Bild: KlausMiniwolf - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Das Renaissance-Schloss im Innern der gewaltigen Zitadelle (2014) Bild: KlausMiniwolfEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Iuliacum und das Forschungszentrum

Iuliacum war der Name Jülichs in der Römerzeit. Es mag überraschen, dass die Errichtung des heutigen Forschungszentrums unsere Kenntnisse über die römische Siedlung Iuliacum / Jülich vertieft hat. So wurde bei den Bauarbeiten für das Seekasino ein römischer Brunnen entdeckt, ein zweiter auf der Baustelle für das Gebäude der Reaktorvorentwicklung (später IFF).

Den Wohlstand der Stadt zur Römerzeit bezeugt eine mächtige Jupitersäule, deren Basis erhalten ist. Aufschrift: „vicani iuliacenses“ (die Bewohner des vicus[2] Iuliacum“). Auch von römischen Thermen, öffentlichen Badehäusern, weiß man. Die Einwohnerzahl Iuliacums weiß man nicht.[3]

Die Mehrzahl der Bevölkerung zu römischer Zeit lebte in Einzelgehöften (villae rusticae). Auf der so genannten Aldenhovener Platte, westlich von Jülich, 35 km2, konnten bis heute mehr als 50 villae nachgewiesen werden, im Hambacher Forst, östlich Jülichs gelegen, wohl an die 150. Gehen wir von den Zahlen aus, die Werner Eck errechnet hat, der beste Kenner der Römerzeit im Raum Köln, so lebten auf diesen Gehöften wohl rd. 3.000 Menschen.

Regionale Straßen verbanden Iuliacum / Jülich mit Aachen, Kaldenkirchen, Neuss und Zülpich. Durch Iuliacum  verlief eine überregionale Straße von Köln bis Maastricht und noch weiter in Richtung Westen. Diese überregionale Straße bestand aus einer Kiesschottung und war 4,9 bis 8 m breit, rechts und links 4 bis 8 m breite Sandstreifen.

Fahren wir aus dem Forschungszentrum durch das Waldtor hinaus, halten wir uns links und biegen den Weg zum Parkplatz Merscher Höhe ein, so finden wir eine kleine Allee historischer Meilensteine. Deren erster stammt aus den Jahren 325/326 n. Chr. und weist nach Colonia Agrippinensis (Köln), Entfernung XVI Leugae (35,5 km).

In Jülich / Iuliacum selbst wurden hochwertiges Glas, Keramik (bisher 16 Brennöfen entdeckt), Metallgeräte, Mühlsteine und Werkzeuge hergestellt, ebenso Lederwaren.

Von besonderem Wert ist ein gut erhaltener ledernder Kinderschuh aus römischer Zeit. Er wurde auf dem Gelände des Forschungszentrums gefunden.

Viele Gastwissenschaftler und Tagungsteilnehmer im Forschungszentrum fragen nach der Geschichte Jülichs, dazu angeregt vielleicht durch Peter Paul Rubens‘ Gemälde «La Prise des Juliers» („Die Einnahme von Jülich“).  Daher hat das Forschungszentrum  bereits Ende der 1980er Jahre eine Überblicksdarstellung herausgegeben: Kernforschungsanlage Jülich GmbH, High Tech auf historischem Boden, Jülich 1989 (Zentralbibliothek: afg 36).


[1] Siehe: Gottfried Benn, Zum Thema Geschichte, in: Ders., Essays und Reden in der Fassung der Erstdrucke, hg. v. Bruno Hillebrand, Ffm. 1989, S. 353 – 367 (insbesondere Abschnitt III, „Geschichte war immer so“).

Kunden, die den Artikel von Gottfried Benn gekauft haben, kauften auch: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Bd. 1, Reinbek 1978 (insbesondere Kapitel 83, „Seinesgleichen geschieht oder warum erfindet man nicht Geschichte“).

[2] Vicus = größere Siedlung.

[3] Ein großer Teil der Angaben zur römischen Geschichte Jülichs sind dem monumentalen Werk von Werner Eck entnommen: Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum, Köln 2004 (Geschichte der Stadt Köln, Bd.1).

Die Hauszeitschrift „KFA intern“ erschien ab Juni 1970 vier- bis fünfmal pro Jahr. Sie sollte der internen Öffentlichkeitsarbeit dienen und  – modern gesprochen –  zur Corporate Identity des Forschungszentrums beitragen.

„KFA intern“ führte bis Ende 1989 den Untertitel „Nachrichten und Berichte aus der Kernforschungsanlage Jülich“. 1990 erhielt sie ein neues Logo und firmierte nun als „Intern. Nachrichten und Berichte. Forschungszentrum Jülich GmbH“. In der hergebrachten Form erschien sie von 1970 bis 2007. Mit dem Heft 1 / 2008 wurde „intern“ modernisiert. Sie erschien nun in großzügigerer Aufmachung, mit neuer Themenstrukturierung und im Corporate Design des Forschungszentrums. Wir erkennen hier einen Modernisierungsprozess der internen und externen Unternehmenskommunikation. Er fand ungefähr zeitgleich in vielen Unternehmens- und Universitätsmagazinen statt. Über diese Entwicklung hatte an der Universität Düsseldorf eine Doktorarbeit entstehen sollen, aber die Verfasserin wurde nicht fertig.

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Am 13. November 1995 wurde die „Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren“ gegründet. Man war historisch informiert und hat nicht etwa den Namen „Helmholtz-Gesellschaft“ gewählt. Diese war 1920 entstanden, um auf Spendenbasis wissenschaftlich-technische Instrumente anzukaufen und Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen sowie Auslandsstipendien zu gewähren.

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