Die Jülicher Algenforschung stößt in der Öffentlichkeit auf großes Interesse. Ein wichtiges Stichwort ist die Herstellung von Kerosin aus Mikro-Algen. In Zusammenarbeit mit Partnern aus der Industrie soll im Projekt „Aufwind“ Flugzeugtreibstoff hergestellt werden. Der Oberbegriff für diese Forschungs- und Entwicklungsarbeiten ist „Biotechnologie“.

Bio-Kerosin aus Algen, im industriellen Maßstab produziert, trüge dazu bei, den CO2-Ausstoß zu vermindern. Die Gewinnung wäre nachhaltig, da nicht mehr produziert und dem Naturhaushalt entnommen würde, als in der Natur nachwächst. Algen vermehren sich rasant. Die Alternative „Tank oder Teller“ wie bei der Nutzung von Mais und Raps stellte sich nicht. Feldflächen werden bei der Herstellung von Biomasse aus Algen nicht benötigt.

Algen enthalten bis zu 70 Prozent fette Öle. Rd. 40.000 Algenarten sind bekannt. Im Rahmen des Teilprojekts „OptimAL“ („Optimierte Algen für nachhaltige Luftfahrt“) wird untersucht, welche Arten am ehesten in Frage kommen und welche Zuchtformen am geeignetsten sind.
Die Produktion von Kerosin aus Algen ist derzeit “cutting edge“ der alternativen Treibstoffherstellung. Doch Algenforschung wurde in Jülich schon immer betrieben.

Algenpark IBG-2

Blick in das Algen Science Center am Jülicher Institut für Bio- und Geowissenschaften. Im Projekt OptimAL werden hier Algen gezüchtet und optimiert. Quelle: Forschungszentrum Jülich

 

Bereits im ersten Jahresbericht für 1962 lesen wir von Untersuchungen über die genetische Auswirkung von Strahlung auf einzellige Algen, durchgeführt vom damaligen Institut für Botanik.

Als das Jülicher Zentrum noch „Kernforschungsanlage“ war, wurde Forschungen durchgeführt, um Uran aus Meeresalgen zu gewinnen, vor allem aus Blaualgen. Man befürchtete eine künftige Uranknappheit. Das Meer ist die größte Uranlagerstätte der Welt. Uran reichert sich an den Zellwänden der Algen an.
Es wurde errechnet und im Modellverfahren simuliert, wie sich 1 t Uran pro Tag aus Algen gewinnen lassen könnte. Das würde schwierig werden. 300 t Meerwasser enthalten 1 Gramm Uran. Wegen der zu geringen Aufnahmemenge von Uran in Meeresalgen wurde die 1974 begonnene Forschung 1976 aufgegeben.

Aber ebenfalls 1974 war unter Beteiligung von Jülicher und Dortmunder Algenforschern ein deutsch-ägyptisches Projekt mit dem Ziel der Nährstoffgewinnung aus Algen-Massenkulturen gestartet worden. Die Dortmunder Algenforscher kooperierten auf dem Gebiet der Algentechnologie auch mit israelischen Forschern, und zwar im Zusammenhang der Abwasser-Algen-Technologie, der biologischen Klärung von Abwässern mittels Algen. Damit begann die zweite Phase der Algenforschung.

Bereits 1974 diskutierte der Jülicher Vorstand die Neuorientierung des lebenswissenschaftlichen Bereichs in Richtung Biotechnologie. Dabei wurde eine Lösung angestrebt, die vom Bundesministerium für Forschung und Technologie (heute BMBF) „mitgetragen“ werden könnte. Im Vorbeigehen sei bemerkt, dass die Jülicher Biotechnologie also nicht von außen, von der „Politik“ angestoßen worden ist. Es gehört zu den schwierigeren Fragen der Geschichte des Forschungszentrums, welche Innovationen von außen herangetragen wurden (Beispiel Diversifikation) und welche von innen heraus entstanden und vom Bund „mitgetragen“ wurden (Beispiel Computing).

Das Jülicher Institut für Biotechnologie entstand 1977 aus dem Institut für Botanik und Mikrobiologie.

Die mehrfach erwähnte Algenforschungsgruppe in Dortmund war eine Außenstelle der Münchner Großforschungseinrichtung GSF („Gesellschaft für Strahlenforschung“, heute „Helmholtz Zentrum München / Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt“). Im Zuge der GSF-Neuorientierung wurde die Algenforschungsgruppe abgetrennt und kam nach Jülich. Die Übernahme erfolgte 1979 als Institut für Biotechnologie 3 (IBT 3). Die Dortmunder Algenforschung wurde in das Jülicher Programm „Algen-Bakteriensysteme zur Abwasserreinigung und Abfallbeseitigung“ integriert. Damit wurde in Jülich ein neuer Akzent auf dem Gebiet der Energie- und Umweltforschung gesetzt und der lebenswissenschaftliche Bereich unter neuem Vorzeichen gestärkt. Im Technion Haifa bestand ein erhebliches Interesse daran, die bisher erfolgreiche Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Abwasserreinigung mittels Algen nun auch mit Jülich fortzusetzen. Auf ausdrücklichen Wunsch des BMFT übernahm das Forschungszentrum die „Projektträgerschaft Biotechnologie“ (PTB).

Die Übernahme der Dortmunder Algenforschung war für das Forschungszentrum ein Markstein auf dem Wege zur Diversifikation („Weg vom ‚K‘!“).

Die Entwicklungsstufen der Jülicher Algenforschung scheinen wie zu unserer didaktischen Unterrichtung über die Diversifikation des Zentrums bestellt. Man begann mit Bestrahlungsexperimenten an Algen, versuchte, Algen zur Urangewinnung einzusetzen, ging zur Nahrungsproduktion sowie zur Abwasserreinigung durch Algen über und arbeitet jetzt an der nachhaltigen Kraftstoffgewinnung mithilfe von Algen.

About Bernd Rusinek

Prof. Dr. Bernd-A. Rusinek leitet seit Anfang 2007 das Archiv des Forschungszentrums, zugleich lehrt er Neuere und Neueste Geschichte in Düsseldorf.

One Response to “„A“ wie „Algenforschung“”

Leave a Reply

  • (will not be published)