Das Eisenbahn-Ausbesserungswerk, heute die „Außenstelle BAW“ (Bundesbahnausbesserungswerk) des Forschungszentrums, wurde im August 1918 als „Eisenbahn-Hauptwerkstätte“ eröffnet.[1]

Bald nach 1918 waren hier 2.000 Mitarbeiter beschäftigt. Sofern sie als Unverheiratete nicht im Ledigenheim auf dem Werksgelände untergebracht waren, wurde für sie und deren Familien das Stadtviertel im Heckfeld gebaut. In das Heckfeld-Viertel zogen ab den 1960er Jahren viele KFA-Neubürger.

Das Ausbesserungswerk war zeitweise größter Arbeitgeber in Jülich. Die Stadt war in der Weimarer Republik weitgehend „schwarz“ gewesen, das Ausbesserungswerk war „rot“, eine Hochburg der Sozialdemokratie. Das Werk bedeutete für Jülich einen Modernisierungs- und Verstädterungsschub. Seit dessen Einrichtung galt der bekannte  Reim „Jülich im Lande der Bauern / wo Menschen und Tiere versauern“ nicht mehr.

Das Eisenbahn-Ausbesserungswerk spiegelt deutsche Geschichte, auch europäische Geschichte wider. Mit dem Bau wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges begonnen, fertiggestellt war der Komplex, in dem auch ein Gefangenenlager eingerichtet war, im August 1918, kurz vor dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches. Von 1941 bis 1944 befand sich in unmittelbarer Nähe ein Arbeitslager. 1944 lebten dort rd. 1.500 russische und polnische Zwangsarbeiter. Bei dem großen Bombenangriff am 23.09.1944 kamen viele von ihnen ums Leben. Die Zahl ist unbekannt, sie wird von 140 bis 400 geschätzt. Zwei Gedenktafeln gegenüber dem Haupteingang erinnern daran.

Im Kriege war das Ausbesserungswerk zu siebzig Prozent zerstört worden. Nach 1945 wurde erwogen, es aufzugeben, aber Landrat Johnen verhinderte die endgültige Stilllegung.

Allerdings ließ sie sich nicht aufhalten. Mit der Elektrifizierung des Bahnverkehrs, deren Durchsetzung zu den großen Leistungen des FZJ-Gründers Leo Brandt gezählt werden kann, waren die klassischen Ausbesserungswerke für Lokomotiven obsolet geworden. Bereits 1952 kursierten „Geheimlisten“ über die zu schließenden Werke. Das Jülicher Ausbesserungswerk zählte dazu. Im Juli 1956 wehten schwarze Fahnen auf den Dächern. 1964 wurde der Betrieb eingestellt.

Nach dem Aufbau im Ersten Weltkrieg, den roten Fahnen in der Weimarer Republik, dem Zweiten Weltkrieg, der Wiedererrichtung nach 1945 und den schwarzen Fahnen Ende der 1950er Jahre begann mit dem Aufbau der Kernforschungsanlage die sechste Geschichte des Eisenbahn-Ausbesserungswerks.

Bereits 1958 mietete die KFA ca. 2.000 m2 Räumlichkeiten an. Allerdings wurde das Mietverhältnis zum 31.01.1962 gekündigt, so dass die Geschäftsführung fürchtete, die dort tätigen Mitarbeiter beurlauben zu müssen.

Am 04. April 1960 verkehrte der erste fahrplanmäßige Omnibus für Mitarbeiter von Jülich-Markt in Richtung Forschungszentrum. Haupthaltestellen waren das ehemalige Eisenbahn-Ausbesserungswerk und das Neubauamt.

Das Ausbesserungswerk war in organisatorischer Hinsicht eine Wiege der damaligen Kernforschungsanlage. Hier wurden Institute, Arbeitsgruppen und zentrale Einrichtungen untergebracht, bis die Bauten auf dem KFA-Gelände fertiggestellt waren: Im Ledigenheim, zuvor in der Waschkaue, die Reaktorbetriebsgruppe, in weiteren Gebäuden der Strahlenschutz, die Abteilung Technik mit ihren Werkstätten für Maschinen- und Apparatebau, Elektro­nik und  Feinwerktechnik, die Anlage zur Aufbereitung von radioaktiven Abfällen, die in ihrer Entstehung begriffenen Institute für Reaktorbauelemente und für Reaktor­werkstoffe sowie Teile der Verwaltung. Teile der Zentralbibliothek kamen 1963 in den Dachkammern unter.

Der größere Teil des einstigen Ausbesserungswerkes wurde im März 1964 gekauft: 350.000 m2 einschließlich der Bauten zu einem Gesamtpreis von 16,5 Mio. DM. Aber die Gebäude und technischen Einrichtungen befanden sich in einem derart jämmerlichen Zustand, dass von einer morschen Wiege gesprochen werden konnte. Für Sanierungen mussten rd. 10 Mio. DM aufgebracht werden.

Zu den Vertragsbedingungen des Ankaufs hatte auch gezählt, dass die KFA einen Teil der noch 400 Bahnbediensteten übernahm. Diese neuen Mitarbeiter, vordem oft Kesselflicker an den Dampfloks, mussten intensiv geschult werden: „Ein Reaktor ist keine Dampflokomotive.“

Heute befinden sich in der „Außenstelle BAW“ des Forschungszentrums Materialausgabe und Materialverwertung, Zentrallager, Lager für den Einkauf, schließlich die Kita für die „Kleinen Füchse“ und die Zentrale Berufsausbildung.

Nordwestlich des Betriebsteils BAW liegt  das rund 11 Hektar große nationale Naturschutzgebiet „Ehemaliges Eisenbahn-Ausbesserungswerk Jülich Süd“.

[1] Zur Bau- und Eröffnungsgeschichte: Erinnerungsblatt zur Eröffnung der Eisenbahn-Hauptwerkstätte in Jülich. 1. August 1918 (Ndr. 1976).

Die Hallen des früheren BAW Jülich im Oktober 2009 – der 150 m lange Kohlezug der Rurtalbahn zeigt die Dimensionen (der Schornstein gehört zur Zuckerfabrik, die die mit dem Zug angelieferte Kohle verfeuert). Rechts neben dem letzten Waggon ist der 1995 zum Bahn-Bus-Verknüpfungspunkt erweiterte Haltepunkt Forschungszentrum zu sehen. Bild: KlausMiniwolf, CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Bernd Rusinek

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Prof. Dr. Bernd-A. Rusinek leitet seit Anfang 2007 das Archiv des Forschungszentrums, zugleich lehrt er Neuere und Neueste Geschichte in Düsseldorf.

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