Überall auf dem Campus erkennen wir Auseinandersetzungen mit Schlüsselwerken der Moderne. Wer denkt bei den Eisenwänden zur Innenabstützung ausgehobener Gräben nicht an die Skulpturen von Richard Serra? Erd- und Schachtarbeiten sind natürlich eine Anspielung auf Anselm Kiefer. Geht die Optik mancher unfertiger Innenreparaturen und Malerarbeiten vielleicht auf die Auseinandersetzung der Installateure und Maler mit dem Werk des späten Jackson Pollock zurück? „Aber nein“, so einer der Mitarbeiter, „also Sie haben ja überhaupt gar keine Ahnung! Doch nicht Jackson Pollock. Cy Twombly natürlich, denken Sie doch mal an ‘The Italians‘ …“

„Holzskulpturen“ am Casino-See

Eine der neuen Holzskulpturen am Rand des Casino-Sees erinnert so stark an die Arbeiten von Georg Baselitz, dass man glaubt, der Künstler selbst hätte sie geschaffen und sei vielleicht bei der Arbeit gestört worden.

Aber: Scherz beiseite.

JUGENE. Vielleicht fällt uns die Kunst eines Ulrich Rückriem ein, wenn wir die Anordnung, die Schrägen und die Farbe der Supermaschinen betrachten. Ein Vergleich des Supercomputer-Designs mit Rückriem zeigt, so jedenfalls der Eindruck des Verfassers, dass sich die Ästhetiken avantgardistischer Großgeräte und Teilbereiche avantgardistischer Kunst einander annähern. Dies gilt nicht nur für JUGENE, sondern etwa auch für die Großdruckmaschinen des Heidelberg-Konzerns, die auf der letzten Messe „Druck und Papier“ (DRUPA) in Düsseldorf zu sehen waren.

Kunst hat im Forschungszentrum eine lange Tradition. Zwar hatte der Gründer der Anlage, Leo Brandt, für Literatur und Kunst nicht viel übrig, aber Prof. Groth ließ sich in seiner Kenntnis des Werks von Thomas Mann nicht leicht übertreffen, und Prof. Fucks, einer der ersten Jülicher Institutsleiter und ebenfalls Urgestein des Zentrums, veröffentlichte 1968 ein sehr erfolgreiches Buch: „Nach allen Regeln der Kunst. Diagnosen über literarische Texte, musikalische Partituren und Werke der bilden Künste.“ Er hatte sich dabei von der Mathematical Theory of Music inspirieren lassen.

Vor fünfzig Jahren wurde im Foyer der ZB die allen bekannte Skulpturengruppe des Aachener Künstlers Heinz Tobolla (1925 – 2013) aufgestellt. Kurz darauf erhielt Tobolla den Auftrag für eine weitere Figurengruppe für den Innenhof, betitelt „Menschen gehen an einander vorbei“, wenngleich Namen wie „Begegnungen“ oder „Kommunikation“ für eine Skulpturengruppe vor dem Hör- und Konferenz-Saal geeigneter gewesen wäre.

Für „Menschen gehen aneinander vorbei“ haben Mitarbeiter verschiedene Scherz- und Spottbezeichnungen gefunden.

Aber, um noch direkter zur Sache zu kommen: Wir können, betrachten wir Kunst und Kunstbezüge rund um das Forschungszentrum, mehrere Aspekte unterscheiden.

Dazu zählt, etwa bei Festvorträgen, auf die Verbindung von Kunst, Philosophie und in Jülich betriebener Wissenschaft hinzuweisen. Es war geradezu symbolisch, wenn Prof. Zilles, Direktor des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin, 2009 einen Festvortrag in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik hielt. Titel: „Gehirn und conditio humana[1]  –  medizinische und philosophische Aspekte moderner Hirnforschung“. Dem ist zweierlei zu entnehmen: Medizinisch-wissenschaftliche und philosophische Wissenssparte rangierten gleichauf; Veranstaltungsort war ein sehr prominentes Kunstmuseum. Die Botschaft: Kunst, Philosophie und moderne Naturwissenschaften seien nicht mehr streng voneinander zu trennen. Ziel ist aber nicht bloße „Begegnung“, sondern wechselseitige Erhellung.

Wir können einen zweiten Aspekt ausmachen: Gemeinsame Kunstausstellungen, um deutsche und internationale Forschungseinrichtungen miteinander zu verbinden. 2002 organisierten das Forschungszentrum und die Max-Planck-Gesellschaft die Ausstellung “Science and Art in Europe / Die Winterreise“, gezeigt in Warschau, Krakau und Posen. Die Ausstellung wurde im Forschungszentrum erstmals gezeigt.

Ebenfalls 2002 befasste sich der Vorstand in seiner 681. Sitzung mit dem Thema „Kunst und Forschung“. In der Vorlage war die Rede von einer lebendigen Verbindung von Kunst und Wissenschaft, die in Jülich eine lange Tradition besitze. Ziel sei es, „wissenschaftliche Entwicklungen durch Kunst ausgedrückt und transzendiert zu sehen“. Ebenso sollten künstlerische Ausdrucksformen durch technische Entwicklungen bereichert werden. Und nicht zuletzt ging es darum, Kreativität und Reflexionen anzuregen.

Also wurde beschlossen, eine Kunstkommission zu bilden.

„Dynamische Kapazitäten“ von Björn Schülke

In deren erster Sitzung wurde entschieden, das Objekt „Dynamische Kapazitäten“ des Kölner Künstlers Björn Schülke (geb. 1967) anzukaufen. Es besteht aus verschiedenen Röhren und einem so genannten Theremin-Instrument, das über elektromagnetische Wellen Töne erzeugt. Die Form der Apparatur mag die Kunstliebhaber unter den Lesern an Jean Tinguelys Fantasy Machines erinnern, vielleicht auch an Flugobjekte des belgischen Physikers, Ingenieurs und Künstlers Panamarenko. Mit dem Konzept der „Dynamischen Kapazitäten“, so hieß es in der Kunstkommission des Forschungszentrums, werde eine eindrucksvolle Brücke zwischen Kunst und Physik geschlagen. Dies stimmte, und es stimmte umso mehr, so fügen wir hinzu, als diese Apparatur auch auf den Namenspatron der Forschungszentren verweist, nämlich auf Hermann von Helmholtz[2] der in seinem Buch „Die Lehre von den Tonempfindungen“ Musik, Physiologie und Physik miteinander verband und ein Gerät zur elektronischen Erzeugung von Klängen entwarf. Es wird von den Musikhistorikern als „Helmholtz Sound Synthesizer“ bezeichnet und wurde 1905 erstmals gebaut. Historisch betrachtet ist der Helmholtz Synthesizer ein Vorläufer von Schülkes Theremin-Objekt.

Welche Message ist mit Björn Schülkes Klangskulptur und einer Reihe weiterer Kunstwerke im Forschungszentrum verbunden? Ohne Zweifel sollen Sphären miteinander in Einklang gebracht werden, die man landläufig für getrennt hält, ähnlich, wie Charles Percy Snow von den „Zwei Kulturen“ sprach: Mauern zwischen Geisteswissenschaften sowie Natur- und Ingenieurswissenschaften. „Kultur“ sei nur bei letzteren zu finden; die Geisteswissenschaftler könnten nicht einmal erklären, wie ein Radio funktioniere. Viele Kunstwerke im Forschungszentrum sollen helfen, diese Mauer einzureißen.

In einem Papier des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft aus den Jahre 1999 ist ebenfalls von Kunstpräsentationen die Rede. Der Stifterverband wollte seiner Öffentlichkeitsarbeit Gelder für verschiedene Projekte zur Verfügung stellen, um den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu vertiefen. Der um sich greifenden Abneigung einer kritischen Öffentlichkeit gegen Natur- und Ingenieurswissenschaften müsse etwas entgegengesetzt werden. Diese Konzeption, so berechtigt sie war, ist philosophisch wesentlich „kürzer“ als die Intentionen von Zilles oder Schülke.

Von Janet Brooks Gerloffs Bildern zu Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“ war bereits die Rede. Parallel zur Eröffnung dieser Ausstellung wurde auch der Liederzyklus hier im Zentrum aufgeführt.[3]

Das war zweifellos ein Höhepunkt der Kunstdarbietungen im Forschungszentrum. Allerdings war es nicht so einfach wie bei den „Dynamischen Kapazitäten“ und anderen Kunst-Objekten, einen Bezug zu den im Zentrum vertretenen Wissenschaften herzustellen. Der damalige Vorstandsvorsitzende, sonst nie um ein treffendes Wort oder ein Aperçu verlegen, hatte ersichtlich Mühe.

Er behalf sich mit einem Hinweis auf die Naturwissenschaftskonzeption Goethes.

Aber nicht nur Künstlerinnen und Künstler, die einen „Namen“ haben, sind im Forschungszentrum vertreten, wir besitzen auch viele Objekte und Gemälde von Mitarbeitern, die damit auch ihre Verbundenheit mit dem Zentrum zum Ausdruck bringen.

Und was die Künstler „mit Namen“ betrifft, so sind im Archiv Entwürfe enthalten, bei denen der Verfasser nicht bedauert, dass sie nicht realisiert worden sind. Das gilt etwa für das turmhohe Prometheus-Monument.[4]

Entwurf Prometheus-Monument

 

Die Älteren von uns, die einst den „Ostblock“ besucht haben, fühlen sich vielleicht an ein Denkmal der deutsch-sowjetischen Völkerfreundschaft erinnert. Über Geschmack lässt sich sehr wohl streiten, aber nicht diskutieren.

Kunst ist Gestaltung. Gestaltet wird zuallermeist nicht mit der Absicht, in der Kunstszene auf sich aufmerksam zu machen. Dies mag zwar bei Alessi der Fall sein, aber nicht bei der Landschaftsgestaltung.

Wenn wir also den Kunstbegriff auf diese Weise erweitern und Gestaltung mit einbeziehen, dann ist es erlaubt, im Blog-Artikel „K“ wie „Kunst“ auf die Goldplakette für Gestaltung hinzuweisen, die 1971 der damaligen Kernforschungsanlage Jülich verliehen worden ist.

Goldplakette für Gestaltung von 1971

Die Urkunde, sie befindet sich im Archiv des Forschungszentrums, ist vom Bundesminister für Städtebau und Wohnungswesen und vom Sprecher des Deutschen Rates für Landespflege unterzeichnet worden. Plakette und Urkunde wurden der KFA „in Würdigung der beispielhaften Leistungen um den Ausgleich von Natur und Technik“ überreicht.

Im Foyer des Hörsaals sehen wir das wandhohe rote Gemälde „Syntopie I“ von Igor Sacharow-Ross, einem russischen Künstler, der 1978 aus der damaligen UdSSR ausgebürgert wurde und in Köln lebt.

„Syntopie“ meint hier die Übereinstimmung von Orten, nämlich die „Gleichörtlichkeit“ von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft. Zunächst war das Werk auf dem BMBF-Kongress „Zukunft Deutschlands in der Wissensgesellschaft“ im Jahre 1998 gezeigt worden.

Diese und weitere Informationen sind einer Erläuterungstafel zu entnehmen, die neben dem Bild angebracht ist.

Hat der Verfasser einen Wunsch frei?

Dann würde er vorschlagen, die Kunstobjekte auf dem Campus ebenfalls mit Erläuterungstafeln zu versehen. Viele Gäste fragen sich zum Beispiel, was es mit den silberglänzenden Täfelchen vor dem Gebäude „B“ auf sich hat. Oder mit den Ton-Torsi vor dem Seecasino.

Übrigens verfügt die ZB auch über eine Artothek. Hier können Bilder, Photographien und Objekte entliehen werden: Acht Wochen, vier Verlängerungen.

„Menschen gehen aneinander vorbei“ von Heinz Tobollas. Bild: Forschungszentrum Jülich

Kommen wir in diesem Zusammenhang noch einmal zurück auf Heinz Tobollas Skulpturengruppe im Innenhof des ZB- und Hörsaal-Gebäudes „Menschen gehen aneinander vorbei“. Geschätzt drei Meter hoch, fünf Meter breit, steht sie auf einem Betonsockel. Wäre dies nicht etwas für Büro, Werkstatt oder Institutsraum? Leider nicht ausleihbar! Im Katalog der Artothek lesen wir: „Präsenzbestand“.


[1] Am besten zu übersetzen mit „Bedingung des Menschseins“.

[2] Siehe in diesem blog: „H“.

[3]  Der Katalog zur „Winterreise“ befindet sich in der Bibliothek: AHQ 9 – „AHQ“ enthält eine ganze Reihe Kataloge und Broschüren von Kunstaustellungen im Forschungszentrum.

[4] Ein Titanen-Gott, Feuerbringer und Lehrmeister in der griechischen Mythologie. Er wird gerne als Patron der Wissenschaft gedeutet.

Bilder (so nicht anders gekennzeichnet): Bernd Rusinek

Bernd Rusinek

About Bernd Rusinek

Prof. Dr. Bernd-A. Rusinek leitet seit Anfang 2007 das Archiv des Forschungszentrums, zugleich lehrt er Neuere und Neueste Geschichte in Düsseldorf.

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