Wie stehen die Deutschen zu Wissenschaft und Forschung? Wie stark ist ihr Interesse an wissenschaftlichen Themen, wie ausgeprägt ist ihr Vertrauen in die Arbeit von Forscherinnen und Forschern? Die Antworten auf diese Fragen findet sich im sog. „Wissenschaftsbarometer“, einer jährlichen Umfrage der Initiative „Wissenschaft im Dialog“. Ende September ist das aktuelle Wissenschaftsbarometer 2018 erschienen, für das wieder mehr als 1000 ausgewählte Personen befragt wurden. 

Die Ergebnisse des Wissenschaftsbarometers sind repräsentativ, aber sie sind durchaus diskussionswürdig. Wie bewerten Forscherinnen und Forscher aus dem Forschungszentrum Jülich die Erhebungen des Barometers? Teilen sie die Einschätzungen der Deutschen zu ihrer Arbeit und zur Unabhängigkeit ihrer Forschung? Oder gibt es aus ihrer Sicht hartnäckige Vorurteile gegenüber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die endlich aus der Welt geschafft werden sollten?

Hier im Blog nehmen Jülicher Forscher zu den Erhebungen des Wissenschaftsbarometers und den Einstellungen der Deutschen zur Wissenschaft Stellung. Den Auftakt der kleinen Serie (abonnierbar als RSS-Feed), die in unregelmäßigen Abständen erscheinen wird, macht Prof. Hans-Peter Peters aus dem Jülicher Institut für Ethik in den Neurowissenschaften (INM-8).

Arbeiten Forscher für sich oder für die Gesellschaft?

Herr Peters, 77% der Befragten des Wissenschaftsbarometers 2018 sind der Meinung, dass ein guter Wissenschaftler sich dadurch auszeichnet, dass er stets das Gemeinwohl im Blick hat. Gleichzeitig sind satte 46 % der Befragten unschlüssig, ob Wissenschaftler bei ihrer Arbeit tatsächlich das Wohl der Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen. Haben die Leute Recht, Herr Peters? 

Prof. Hans Peter Peters vom Institut für Ethik in den Neurowissenschaften (INM-8). Quelle FZJ

Ja, ich finde die Befragten haben Recht. Die genannten und weitere Ergebnisse aus dem Wissenschaftsbarometer zeigen, dass die Bevölkerung eine von Partikularinteressen unabhängige und am Gemeinwohl orientierte Wissenschaft erwartet, aber Einflüsse von Wirtschaft und Staat auf die Wissenschaft konstatiert und kritisch bewertet. Daher ist „unentschieden“ die häufigste Antwort auf die Frage, ob Wissenschaftler tatsächlich zum Wohl der Gesellschaft arbeiten; das kann sowohl Unsicherheit als auch Ambivalenz bedeuten.

Die Ergebnisse bestätigen, was wir schon aus anderen Studien wissen: Die Bevölkerung hält unabhängige Wissenschaft als Idealbild für gemeinwohlorientiert und vertrauenswürdig, ist jedoch skeptisch, ob die reale Wissenschaft dem Idealbild gerecht wird, wobei insbesondere der Wirtschaft und dem Staat korrumpierende Einflüsse unterstellt werden.

Das Problem ist, dass wir in vielen Feldern und aus guten Gründen den engen Kontakt zu Politik und Wirtschaft suchen und brauchen, um Innovation voranzutreiben und wissenschaftliche Expertise für die Politikgestaltung zu nutzen. Damit wird Wissenschaft in Konflikte und Interessenkoalitionen hineingezogen, was das Vertrauen in sie untergräbt. Es gibt keinen einfachen Ausweg aus diesem Dilemma; wir müssen damit leben und versuchen, den Balanceakt zwischen zu enger Verflechtung und mangelnder gesellschaftlicher Relevanz möglichst gut zu bewältigen und das Bemühen um Balance transparent zu machen.

Eine von der Gesellschaft isolierte Wissenschaft will die Bevölkerung nämlich sicher nicht. Beim Wissenschaftsbarometer hatten die Befragten einseitig nur Gelegenheit, ihre Meinung zu den potentiell problematischen Aspekten einer engen Verflechtung von Wissenschaft, Staat und Wirtschaft zu äußern. Bei einer umfassenderen Befragung zum wahrgenommenen und gewünschten Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft würden vermutlich differenziertere Meinungen zu diesen Verflechtungen zu Tage treten.

Erstaunlich und positiv für uns als Wissenschaftler ist, dass die Bevölkerung keine unrealistischen Erwartungen an Wissenschaft hat: Sie versteht, dass wissenschaftliche Kontroversen und korrekturbedürftige Irrtümer zum Erkenntnisprozess gehören und nicht pathologisch sind. Das bedeutet natürlich auch, dass wir als Wissenschaftler mit öffentlicher Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen rechnen müssen. Naive Wissenschaftsgläubigkeit ist nicht (mehr) zu erwarten und auch das ist positiv.

Bei den wenig differenzierenden Frageformulierungen bleibt unklar, was sich die Befragten konkret unter Gemeinwohlorientierung der Wissenschaft vorstellen. Mögliche Antworten auf die Frage, wie Wissenschaft dem Allgemeinwohl dient, variieren nach Forschungsbereichen. Sie sind offensichtlich bei der medizinischen Forschung oder Energieforschung, aber schwieriger und wahrscheinlich nicht jedermann überzeugend bei der reinen Grundlagenforschung wie etwa der Erforschung von schwarzen Löchern, Dinosauriern oder abstrakten mathematischen Theoremen. Hier kann man zwar das durchaus zutreffende Hilfsargument anführen, dass oft auch esoterisch-zweckfreie Forschung zu praktisch nützlichen Erkenntnissen führt bzw. die Grundlage angewandter Forschung ist, und damit die Allgemeinwohlorientierung auch solcher Forschung begründen. Das ist aber mal mehr, mal weniger überzeugend.

Motiviert werden die in der Grundlagenforschung tätigen Forscher wohl weniger durch Hoffen auf zufällige nützliche Spin-offs als vielmehr durch intrinsisches Erkenntnisinteresse, die Herausforderung, schwierige Rätsel zu knacken und das Bestreben, sich einen Namen zu machen. Wenn man wie ich der Meinung ist, dass es zur Natur des Menschen (und nicht nur der Wissenschaftler) gehört, neugierig zu sein und nach Erweiterung des Horizonts zu streben und so „nutzlose“ Fragen zu stellen wie die nach dem Beginn des Universums oder dem Ursprung des Lebens, dann dient auch die Tätigkeit reiner Grundlagenforscher dem Gemeinwohl – wenn denn die Forscher ihr Wissen breit teilen und damit unsere gemeinsame Weltsicht bereichern.

von Wolfgang Marquardt

In letzter Zeit wird öffentlich immer öfter die Entfremdung der Wissenschaft von der Gesellschaft beklagt. „Die Wissenschaft muss ihren Elfenbeinturm verlassen, sich mehr an den Sorgen, Problemen, Herausforderungen und Zielen der Gesellschaft ausrichten“ – so ähnlich lautet oft die damit verbundene Forderung an die Wissenschaft.

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Weltweit, auch in vielen deutschen Städten, werden am 22. April Forscherinnen und Forscher auf die Straße gehen, um darauf aufmerksam zu machen, dass Wissenschaft zur Substanz unserer Demokratie und unserer Gesellschaft gehört. Sie wollen dafür sensibilisieren, dass Wissenschaft ungehinderten internationalen Austausch braucht. Und dass Wissen nur im rationalen und faktenbestimmten Diskurs entstehen kann.

Anlässlich der Aktion hat Prof. Wolfgang Marquardt, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich, nachfolgenden Blogartikel verfasst.

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